Aktienanalyse: Was dir der Lagerbestand über das Unternehmen verrät

Hier liest du…

  • welche Rolle Lagerbestände bei produzierenden Unternehmen spielen
  • in welche Materialarten Lagerbestände aufgeteilt werden
  • wie Lagerbestände einfach analysiert werden können
  • welche Fragen dir die Lagerbestandsreichweite als Investor beantwortet

Bei der Analyse eines Unternehmens und beim Durchlesen der Finanzberichte bist du bestimmt schon mal auf die Lagerbestände gestoßen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hast du diese aber nur überflogen und für nicht sonderlich relevant befunden. Kennst du zum Beispiel schon die Lagerbestandsreichweite?

Wer mich kennt weiß, dass ich beruflich im Bereich Produktion und Logistik tätig bin. Daher habe ich auch viel mit Lagerbeständen und deren Analyse und Optimierung zu tun.

Die Entwicklung von Lagerbeständen über die Zeit kann dabei einiges über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verraten, deshalb sollte eine genauere Betrachtung gerade bei produzierenden Unternehmen Teil der Aktienanalyse sein.

In diesem Artikel zeige ich dir, worauf du bei der Analyse von Lagerbestände achten solltest und wie du diese interpretieren kannst.

Die Rolle von Lagerbeständen im produzierenden Unternehmen

Lagerbestände machen bei produzierenden Unternehmen und bei Handelsunternehmen oft einen großen Anteil des Umlaufvermögens in der Bilanz aus. Umlaufvermögen definiert sich dabei üblicherweise als der Anteil an den Vermögensgegenständen, der innerhalb von 12 Monaten verkauft, verbraucht oder verarbeitet werden kann.

Dass der Umschlag aller Lagerbestände innerhalb von 12 Monaten gerade bei Unternehmen mit großem Produktportfolio nicht immer möglich ist, versteht sich dabei fast von selbst. Dennoch sind Lagerbestände wichtig, um den operativen Ablauf aufrecht zu erhalten. Kunden sollen auch bei Fluktuationen im Marktumfeld in ausreichender Menge mit Ware versorgt werden können. Gleichzeitig müssen hohe Überbestände vermieden werden, da diese Kapital binden und teure Lagerfläche belegen.

Die Bestandszeile in der Bilanz des Unternehmens gibt immer nur den Stand zu einem festen Stichtag an. Oft finden sich aber in den Fußnoten weitere Informationen. Typischerweise wird dort angegeben, welche Materialarten das Unternehmen unterscheidet und im Bestand führt und nach welcher Systematik die Bestände erfasst werden.

Die vier klassischen Materialarten

Der Bestand (inventory) eines Unternehmens lässt sich üblicherweise in vier Bestandsarten unterteilen.

  • Rohmaterial (raw material)
  • Halbfertigerzeugnisse (work in process)
  • Fertigerzeugnisse (finished goods)
  • Handelsware (merchandise, commodities)

Unter Rohmaterial werden alle Materialien verstanden, die das Unternehmen im Rahmen der Produktion verarbeitet. Oft zählen hierzu auch Hilfs- und Betriebsstoffe, die sich nicht direkt im fertigen Produkt wiederfinden, aber im Produktionsprozess verbraucht werden (z.B. Schmierstoffe, Fette, Kühlmittel, etc.).

Halbfertigerzeugnisse sind bereits verarbeitete Rohmaterialien, die aber noch keinen verkaufsfähigen Zustand erreicht haben. Das könnten beispielsweise einzelne Baugruppen sein, die wiederum als Komponente in das spätere Fertigerzeugnis eingehen. Denkbar wären auch Elektronikplatinen, die noch mit einer Software bespielt werden müssen oder je nach Definition auch Produkte, die noch nicht in der finalen Handelsverpackung verpackt wurden.

Fertigerzeugnisse sind verkaufsfähige Produkte, die bereits alle Prozesse der Produktion durchlaufen haben und nicht weiter verarbeitet werden müssen.

Als Handelsware werden alle Produkte bezeichnet, die zum Weiterverkauf von externen Lieferanten zugekauft und nicht selbst produziert werden.

Analyse von Lagerbeständen

Zur Analyse von Lagerbeständen werden wie in anderen Bereichen der Unternehmensanalyse gewisse Kennzahlen erhoben und bewertet. Diese Kennzahlen geben Aufschluss darüber, wie sychron Produktion und Abverkauf von Waren laufen. Das ist ein wichtiger Punkt, denn der alleinige Vergleich des absoluten Lagerbestandswertes an zwei Stichtagen sagt erstmal wenig daüber aus, wie effizient Lagerbestände geführt werden.

Um den Zusammenhang zwischen Lagerbestandswert und Umsatz zu veranschaulichen wird häufig die Lagerbestandsreichweite ermittelt. Diese Kennzahl gibt an, wie lange der aktuelle Lagerbestand zur Deckung des Bedarfes ausreichen würde, wenn kein weiterer Bestand aufgebaut wird (durch Produktion oder Zukauf).

Oft wird die Lagerbestandsreichweite auch einfach Bestandsreichweite oder Lagerreichweite genannt. Im englischsprachigen Raum findet man häufig die Bezeichnungen Days in Inventory, Days Sales of Inventory, Days of Stock, Days Inventory Held und eine Reihe an ähnlich lautenden Bezeichnungen, die alle im Wesentlichen dasselbe bedeuten.

In seiner einfachsten Form berechnet sich die Lagerbestandsreichweite, in dem der Durchschnittsbestandswert des Jahres durch den durchschnittlichen täglichen Bestandsabfluss (Abverkauf bewertet zu Selbstkosten) geteilt wird.

Bewertung der Lagerbestandsreichweite

Je geringer die Bestandsreichweite, desto schneller kann der Bestand umgeschlagen werden und desto kürzer liegt das einzelne Produkt im Lager. Das hat den Wesentlichen Vorteil, das weniger Kapital in Bestand gebunden ist und stattdessen anderweitig gewinnbringend eingesetzt werden kann. Zum anderen belegt Bestand kostbare Lagerfläche, die teuer gekauft oder angemietet und kontinuierlich unterhalten werden muss (Heizung, Strom, Inftrastruktur, Mitarbeiter, …).

Eine geringe Lagerbestandsreichweite ist also in der Regel aus Investorensicht vorteilhaft. Sie kann aber auch Probleme mit sich bringen – schließlich handelt es sich hierbei nur um eine Durschnittsbetrachtung. Es wird immer einzelne Produkte geben, die eine sehr hohe Lagerbestandsreichweite aufweisen. Nicht selten gibt es auch toten Bestand (quasi mit unendlich hoher Lagerbestandsreichweite), der sich gar nicht mehr abverkaufen lässt. Es gibt einfach keinen Bedarf mehr für das Produkt. Als letzte Lösung wird dieser Bestand verschrottet und der Verlust in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) als Kosten berücksichtigt.

Gleichzeitig wird es Produkte mit sehr geringer Reichweite geben, bei denen das Risiko besteht, dass bei plötzlichem Bedarfsanstieg nicht ausreichend Bestand verfügbar ist (Stockout) und kurzfristige Kundenbedarfe nicht gedeckt werden können und zurückgestellt werden müsen (Backlog). Dieses Risiko wird bei Produkten mit saisonalem Abgangsverhalten häufig auftreten, wenn nicht adequat vorgeplant wird.

Fazit für Investoren

Insbesondere bei der Analyse von produzierenden Unternehmen lohnt es sich, auch die Entwicklung der Lagerbestände zu berücksichtigen. Die Bestände lassen sich in der Regel in Rohmaterial, Halbfertigerzeugnisse, Fertigerzeugnisse und Handelsware unterscheiden.

Als grobe Richtlinie ist natürlich ein geringerer Bestand einem höheren vorzuziehen, da die Lagerhaltung gewisse Kosten mit sich bringt. Der alleinige Vergleich des Bestandswertes und seiner Entwicklung über verschiedene Stichtage kann aber zu falschen Schlüssen führen. Steigt der Absatz ist in der Regel auch ein höheres Bestandsniveau notwendig.

Zur besseren Bewertung der Bestandssituation eignet sich die Lagerbestandsreichweite. Diese Kennzahl berücksichtigt dabei nicht nur den Bestandswert, sondern auch wie viel davon pro Zeiteinheit abfließt. Wichtig ist, dass diese Kennzahl nur bedingt eingesetzt werden kann, wenn die Bestandspolitik verschiedener Unternehmen verglichen werden soll. Insbesondere branchenübergreifend unterscheiden sich die Bestandsreichweiten massiv. So sind zum Beispiel in der Nahrungsmittelindustrie sehr kurze Reichweiten üblich. Die Produkte sind oft verderblich oder müssen teuer gekühlt werden. In anderen Bereichen wie der Luft- und Raumfahrt wird die Kennzahl entsprechend deutlich höher ausfallen. Dort ist es nicht unüblich, dass eine Vielzahl der Produkte über Monate im Bestand liegt.

Hoffentlich habe ich mein Ziel erreicht und dich dazu gebracht, bei der nächsten Unternehmensanalyse auch den Bestand etwas genauer anzuschauen. Mit der vorgestellten einfachen Analysemethode kannst du als Investor einen ersten Eindruck darüber gewinnen, ob das Unternehmen wenig überschüssige Bestände führt, nachfragegerecht produziert und auch in einem fluktuativem Markumfeld schnell auf Nachfrageschwankungen reagieren kann.

Hast du eine Frage oder möchtest du mehr über die Analyse des Umlaufvermögens wissen? Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

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