Ist der Dax nach der jüngsten Rally fundamental überbewertet?

Hier liest du…

  • welche Divergenzen es zwischen Dax-Kurs und erwarteter Konjunkturentwicklung gibt
  • wie das Dax-KGV den höchsten Stand seit 2003 erreicht hat
  • wie sich der Dax bereits auf alte Kursniveaus erholt hat
  • was wir aus der Geschichte lernen können

Der Dax ist der wichtigste deutsche Aktienindex und zeigt die Preisentwicklung der 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen.

Nachdem der Dax mit Beginn der Corona-Krise massiv eingebrochen war, fand in den letzten Tagen eine rapide Erholung statt.

Nicht immer ist der Kurs eines Index jedoch fundamental begründet. Viel mehr steigt und fällt der Kurs gerade in der aktuellen volatilen Marktsituation mit der Stimmung der Marktteilnehmer. Jeder noch so kleinen Nachricht wird dabei eine hohe Relevanz beigemessen.

Es stellt sich die Frage, ob die jüngste Kursrally auf einem wackligen Fundament steht und der Dax zu aktuellen Kursen fundamental überbewertet ist. Im Folgenden hierzu ein paar Gedanken…

Geschäftsklima auf historischem Tiefstand

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München ermittelt monatlich den sogenannten ifo Geschäftsklimaindex. Dieser gilt als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die deutsche Konjunkturentwicklung.

Nach letzter Meldung vom Mai 2020 erwartet ein Großteil der deutschen Unternehmen eine weitere Verschlechterung der Geschäftslage. Die Vormonate waren bereits als historische Tiefstände erfasst worden.

Im wahrscheinlichsten Fall schrumpft die deutsche Wirtschaft laut ifo Institut im laufenden Jahr um 6,6 Prozent. Deutsche Unternehmen reduzieren zudem weiter drastisch ihre Investitionen. Leiter der ifo Umfragen Klaus Wohlrabe nennt dies “beunruhigende Zahlen für die längerfristige Entwicklung der Wirtschaft”.

Erwartungsgemäß zeichnen sich in den ersten Quartals- und Halbjahresberichten bereits nachhaltige Rückgänge im Auftragseingang ab. Betroffen sind insbesondere die als Motor der deutschen Wirtschaft geltenden exportabhängigen Titel aus den Bereichen Kraftfahrzeug, Industrie und Chemie. Laut Statistischem Bundesamt sinkt der Auftragseingang im produzierenden Gewerbe im Monat Mai um 36,6% gegenüber Vorjahr.

In vielen Fällen scheint die Ertragskraft dieser Unternehmen nachhaltig geschädigt.

Dax-KGV auf höchstem Stand seit 2003

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax liegt aktuell laut boerse.de bei 18,03 und damit auf dem höchsten Stand seit 2003. Selbst kurz vor Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise um 2008 war diese Kennzahl nicht auf so hohem Niveau.

Dax-KGV vom 04.06.2020, Quelle: boerse.de

Zusätzlich muss beachtet werden, dass das KGV in dieser Form aus historischen Daten errechnet wird – üblicherweise aus dem Gewinn der letzten 12 Monate. Das volle Ausmaß der Auswirkungen von Covid19 auf das Ergebnis der deutschen Unternehmen spiegelt sich bisher also nur zum Teil bereits in dieser Kennzahl wieder. Man darf annehmen, dass im Zuge der weiteren Unternehmensberichterstattung ein weiterer Anstieg des KGV wahrscheinlich ist.

Gleichwohl gab es auch mal andere Zeiten. Die obige Grafik zeigt auch, dass in den 90er Jahren noch viel höhere Kurs-Gewinn-Verhältnisse üblich waren, die sich erst mit Platzen der DotCom-Blase im Jahr 2000 rückläufig entwickelt haben. In den letzten 30 Jahren bewegt sich die Kennzahl um einen durchschnittlichen Wert von 19.

Dax erreicht bereits wieder Kursniveau von Oktober 2019 – als wäre nichts gewesen

Das folgende Kurs-Chart des Dax30 vom 05.06.2020 zeigt den rapiden Kursanstieg der letzten Tage. Aktuell notiert der Dax bereits wieder zu Kursen aus dem Herbst letzten Jahres. Die trüben Konjunkturaussichten scheinen dabei wie vergessen.

Dax30 Kurs-Chart vom 05.06.2020, Quelle: Guidants, BörseGo AG

Was wir aus der Geschichte lernen können

“Das gab es doch so ähnlich alles schon mal”, mag der eine oder andere sagen und hat damit wahrscheinlich recht. Nach dem ersten Weltkrieg erlebte die Weltwirtschaft in den 20er Jahren einen rasanten Aufschwung, der im Oktober 1929 am “Black Tuesday” ein abruptes Ende nahm. Die Kurse des Dow Jones Industrial Average fielen innerhalb kurzer Zeit um rund 48%.

Die Zeit nach 1929 ist auch als Große Depression bekannt. Mit auffälliger Ähnlichkeit zu den Kursverläufen der letzten Tage stiegen die Kurse bis zum 17. April 1930 jedoch wieder zügig an – um insgesamt 48%!

Doch die Große Depression war nicht mehr abzuwenden. Die Wirtschaft hatte mit einem starken Einbruch von Konsumausgaben und Investitionen zu kämpfen. Kommt doch bekannt vor, oder?

Die Folgen der schwindenden Nachfrage waren weiter sinkende Produktion, hohe Arbeitslosigkeit und damit wiederum geringere Kaufkraft der Bevölkerung – ein Teufelskreis der zu erneuter Panik an den Märkten führte. Bis zu den Tiefstständen am 8. Juli 1932 verlor der Dow Jones insgesamt erneut ganze 86%.

Fazit

Die scheinbare Erholung Anfang 1930 war trügerisch und verleitete die Menschen zu falscher Hoffnung und Euphorie. Ungeachtet der stark negativen wirtschaftlichen Aussichten ließen sich viele Kleininvestoren vom Markt mitreißen und erlebten mit der einsetzenden Panik die Große Depression in aller Schwere. Die Wirtschaft war noch nicht bereit zum Aufatmen.

Heute scheint sich Deutschland in einer ähnlichen Situation zu befinden. Experten sehen die Ertragskraft deutscher Unternehmen nachhaltig geschädigt. Sollte sich der trübe Umsatz- und Ergebnisausblick längerfristig bewahrheiten und eine kurzfristige Erholung der Fundamentaldaten ausbleiben, wirken die jüngsten Kurssprünge kaum gerechtfertigt. Die Geschichte zeigt, dass eine geschädigte Wirtschaft ihre Zeit braucht, um auszukurieren.

Wie eindeutig sind die Parallelen aus deiner Sicht? Hinterlasse gerne einen Kommentar.


Quellen

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