In 12 Schritten systematisch Aktien analysieren und einen fairen Preis berechnen

Die 12 Schritte der Aktienanalyse

  1. Die wichtigsten Informationen aus der Bilanz
  2. Die wichtigsten Informationen aus der Gewinn- und Verlustrechnung
  3. Die wichtigsten Informationen aus der Kapitalflussrechnung
  4. Historische Entwicklung von Buchwert, Gewinn/Aktie und Dividende/Aktie
  5. Forecast der zukünftigen freien Cash Flows
  6. Analyse von Preiskennzahlen und EV/EBIT
  7. Analyse von Bilanzkennzahlen
  8. Analyse von Kennzahlen der GuV
  9. Analyse von Cash Flow Kennzahlen und FCF Yield der letzten Periode
  10. Zusatzprüfung 1: SWOT-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken)
  11. Zusatzprüfung 2: Qualitative Auswahl- und Ausschlusskriterien
  12. Berechnung des intrinsischen Unternehmenswerts und der Sicherheitsmarge

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du in 12 Schritten systematisch Aktien analysieren und einen fairen Preis berechnen kannst.

Ein Investment in einzelne Aktien ist immer eine bewusste Entscheidung gegen eine breiter gestreute Alternative wie beispielsweise einen ETF. Die höhere Konzentration bringt immer ein unsystematisches Risiko mit sich. Durch Diversifikation kann dieses Risiko reduziert werden.

Gleichzeitig gehst du durch das Investment in einzelne Aktien davon aus, dass du so über den gewählten Investmentzeitraum ein besseres Chance-/Risiko-Profil generierst. Die höhere Renditeerwartung überwiegt die zusätzliche Risikobereitschaft.

Daraus ergibt sich aber auch für dich, dass die Auswahl der Aktien sorgfältig und vollumfäglich erfolgen sollte.

Ich nutze hierfür ein eigenes System, bei dem ich die Jahres- und Quartalsberichte der letzten Jahre heranziehe und damit eine umfangreiche Fundamentalanalyse durchführe.

Jeder Investor hat einen anderen Ansatz und dieses System sollte nicht einfach blind übernommen werden. Vielmehr solltest du versuchen, zu verstehen, warum ich bestimmte Aspekte in die Investmententscheidung einbeziehe und daraus für dich ableiten, ob diese Punkte auch für dich für eine Aktienbewertung nützlich sein können.

Am Ende der Analyse steht ein intrinsischer Unternehmenswert. Aus diesem schlussfolgere ich einen fairen Preis, den ich unter Berücksichtigung einer gewissen Sicherheitsmarge für eine Aktie des Unternehmens zu zahlen bereit bin.

1. Die wichtigsten Information aus der Bilanz

Im ersten Schritt entnehme ich die für mich wichtigsten Daten aus den letzten Geschäftsberichten. Dabei untersuche ich auf Grund der besseren Vergleichbarkeit immer die englischsprachigen Geschäftsberichte, selbst wenn es sich um ein deutsches Unternehmen handelt. Zudem arbeite ich ausschließlich in der angegeben Währung und rechne erst im allerletzten Schritt in EUR um, dazu aber später mehr.

Ich beginne bei der Bilanz und notiere:

  • Cash and equivalents
  • Total current assets
  • Total assets
  • Total current liabilities
  • Long-term debt
  • Total liabilities
  • Total equity

Selbstverständliche scanne ich darüber hinaus auch alle anderen Zeilen, um eventuelle Unregelmäßigkeiten ausfindig zu machen. Gerade im Bereich der Rückstellungen sollte man genau hinsehen.

2. Die wichtigsten Information aus der Gewinn- und Verlustrechnung

Aus der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) interessieren mich vor allem die folgenden Daten:

  • Revenue
  • Operating Income / EBIT
  • Interest Expense
  • Net income

3. Die wichtigsten Information aus der Kapitalflussrechnung

Die Kapitalflussrechnung ist üblicherweise in drei größere Blöcke unterteilt. Ich brauche die finalen Werte:

  • Cash Flow from Operating Activities
  • Cash Flow from Investing Activities
  • Cash Flow from Financing Activities

Darüber hinaus sind die folgenden drei Zeilen von besonderer Bedeutung:

  • Capital expenditures
  • Dividends paid
  • Stocks repurchased

4. Historische Entwicklung von Buchwert, Gewinn/Aktie und Dividende/Aktie

Ich gehe 10 Jahre zurück und entnehme aus jedem Jahr die genannten Daten, schaue mir die Entwicklung and und stelle diese grafisch dar.

Dabei fokussiere ich mich in diesem Schritt auf die Entwicklung der Dividende pro Aktie, des Gewinns pro Aktie (EPS) und des Buchwerts.

Eine geringe Schwankung dieser drei Kurven ist ein Indiz für ein stabiles Geschäft. Im besten Fall zeigen die Kurve einen kontinuierlichen Anstieg.

5. Forecast der zukünftigen freien Cash Flows

Der wichtigste und umfangreichste Schritt besteht in der Analyse der Cash Flows. Ich werde an dieser Stelle nicht im Detail auf den Prozess eingehen. Das Prinzip besteht aber darin, die zukünftigen freien Cash Flows abzuschätzen und über einen Zins auf den Präsenzwert zu diskontieren. Als freie Cash Flows nutze ich die Differenz aus operativem Cash Flow und CAPEX. Dieses Verfahren wird auch als DCF-Modell bezeichnet (discounted cash flow model).

6. Analyse von Preiskennzahlen und EV/EBIT

Die bereits aus den Geschäftsberichten extrahierten Finanzdaten dienen im nächsten Schritt dazu, einige Kennzahlen zu berechnen. Wichtige preisbezogene Kennzahlen sind:

  • Price/Earnings (Kurs-Gewinn-Verhältnis, KGV)
  • Price/Book (Kurs-Buchwert-Verhältnis, KBV)
  • Enterprise Value / EBIT

7. Analyse von Bilanzkennzahlen

Die Bilanzkennzahlen können herangezogen werden, um zu beurteilen, ob das Unternehmen langfristig gesund finanziert ist aber auch kurzfristige Zahlungsausfälle abfedern kann. Es sollte also sowohl eine hohe Liquidität als auch eine hohe Solvenz erkennbar sein.

Wichtige Kennzahlen sind:

  • Current ratio
  • Quick ratio
  • ROE
  • Debt / Equity
  • Long-term Debt / Equity

8. Analyse von Kennzahlen der GuV

Die GuV gibt Aufschluss über den Geschäftserfolg und die Ertragslage. Für die Aktienanalyse werden nun einige wichtige Rentabilitätskennzahlen ermittelt:

  • EBIT margin
  • Interest coverage ratio
  • Net income margin

9. Analyse von Cash Flow Kennzahlen und FCF Yield der letzten Periode

Im Cash Flow Statement finden sich häufig einige Fallstricke, daher müssen hier zusätzlich zu den ausgewiesenen Cash Flows noch einige weitere Informationen analysiert und bewertet werden. Dazu können die folgenden Kennzahlen herangezogen werden:

  • Dividend payout ratio
  • Dividend yield
  • FCF / Revenue
  • FCF / Market Cap

Aus den gezahlten Dividenden und den zurückgekauften Aktien (aber auch aus den neu ausgegebenen Aktien) kann zudem abgeleitet werden, inwiefern sich die auf eine einzelne Aktie bezogenen Kennzahlen zukünftig entwickeln könnten. Sinkt die Anzahl der Aktien im Umlauf, wirkt sich das direkt positiv auf Kennzahlen wie die Dividende/Aktie, das Ergebnis/Aktie und auch den Buchwert aus.

Zusätzlich sind sowohl Dividende als auch Aktienrückkäufe geeignete Möglichkeiten (direkt oder indirekt) Gewinne an die Aktionäre auszuschütten, sofern diese in angemessenen Größenordnungen und zu geeigneten Zeitpunkten erfolgen.

10. Zusatzprüfung 1: SWOT-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken)

Um auch das Geschäft des Unternehmens genauer unter die Lupe zu nehmen, kann eine sogenannte SWOT-Analyse hilfreich sein. Dabei werden die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken eines Unternehmens qualitativ untersucht. Das hilft dabei, die Position des Unternehmens im Marktumfeld zu verstehen und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmensstrategie und des Geschäftsmodells einzuordnen und zu bewerten.

11. Zusatzprüfung 2: Qualitative Auswahl- und Ausschlusskriterien

Basierend auf umfangreichen Literaturrecherchen (und auch eigenen Fehlern) untersuche ich im nächsten Schritt noch einige spezielle Punkte, die im besten Fall ebenfalls erfüllt sein sollten. Fällt ein Unternehmen bei dieser Checklisten-Prüfung durch, investiere ich selbst dann nicht, wenn das Unternehmen gemäß aller Analysen als unterbewertet klassifiziert werden kann.

  • Adequate Unternehmensgröße und Handesvolumen (nicht zu klein, sonst ggf. Ausschluss von Handelsplätzen)
  • Geschäftsmodell mit Alleinstellungsmerkmal
  • Langfristige Perspektive der angebotenen Produkte/Dienstleistungen
  • Wettbewerbsvorteil (z.B. starke Marke, Patente oder Produkte von denen der Kunde nicht einfach wechseln kann)
  • Vertraunswürdiges und kompetentes Management (soweit ich das beurteilen kann, hier helfen auch ein paar Recherchen und die Meinung der Öffentlichkeit)
  • Management unterstützt das Prinzip von Shareholder Value (z.B. Aktienrückkäufe unter intrinsischem Wert, vorteilhafte Dividendenpolitik)
  • Insiderkäufe
  • keine offenen Gerichtsverfahren größerer Art oder Sammelklagen

12. Berechnung des intrinsischen Unternehmenswerts und der Sicherheitsmarge

Aus den vorangegangenen Analysen, insbesondere aus den Ergebnissen der DCF Berechnung, ergibt sich nun ein intrinsischer Wert. Diesen Wert rechne ich nun in Euro um, um ein besseres Verständnis von den Größenordnungen zu haben (bei russischen RUB oder chinesischen RNB ist das z.B. nicht intuitiv). Wird die Aktie hautpsächlich in US-Dollar gehandelt, in den Geschäftsberichten aber nur in lokaler Währung augewiesen, rechne ich zudem noch in USD um, um jegliche Umrechnungsfehler beim tatsächlichen Aktienkauf zu vermeiden (sollte ich mich dafür entscheiden).

Den errechneten intrinsischen Wert reduziere ich im letzten Schritt um weitere 20% und komme so auf meinen persönlichen fairen Kaufkurs. Die 20% dienen als zusätzliche Sicherheitsmarge, denn natürlich kann ich nicht davon ausgehen, dass meine Analyse frei von Fehlern ist und sich insbesondere die von mir aufgestellten Prognosen auch tatsächlich genau so in der Zukunft realisieren.

Liegt der aktuelle Kurs unter diesem von mir ermittelten fairen Einstiegskurs, kommt das Unternehmen für mich als Investment infrage. Sofern ich die nötige Liquidität im Portfolio habe und das Unternehmen auch sonst die Diversifikation des Portfolios hinsichtlich Branchen, Ländern, Unternehmensgrößen, etc. nicht gefährdet, kann ein Investment getätigt werden.

Ich investiere bewusst nicht mehr als etwa 5% des Kapitals in eine neue Portfolioposition, selbst wenn die Unternehmensbewertung noch so viel Euphorie auslösen sollte. Diversifikation und Risikoreduktion sind die wichtigsten Bausteine eines langfristig erfolgreichen Portfolios.

Fazit

Hast du ein Unternehmen gefunden und überlegst du, ob sich dieses für dein nächstes Investment eignet? Dann solltest du unbedingt eine vollumfängliche Aktienanalyse durchführen. Auf keinen Fall reicht es aus, nur auf Basis der Meinung anderer Leute oder der vermeintlichen Qualität des Unternehmens zu investieren. Du solltest auch vermeiden, nur deshalb zu investieren, weil der Kurs gefallen ist. In den allermeisten Fällen hat das auch einen Grund, oft sogar einen sehr offensichtlichen.

Die Geschäftsberichte bieten einen tiefen Einblick in das Zahlenwerk des Unternehmens und damit selbst unerfahrenen Investoren viele Informationen, um mehr über das Geschäft, die Profitabilität, die Liquidität, die Solvenz und viele weitere Eigenschaften eines soliden Unternehmens zu erfahren.

Schaue dabei ausreichend weit in die Historie des Unternehmens und leite aus den vorliegenden Unternehmensdaten die wichtigsten Kennzahlen ab. Vertraue aber nicht nur auf quantitative Kriterien, sondern beziehe auch qualitative Kriterien mit ein. Eine SWOT-Analyse und eine Checkliste mit den wichtigsten qualitativen Punkte können helfen, die Aktienauswahl aus einem anderen Winkel zu beleuchten und eventuelle Probleme aufzuspüren.

Über eine DCF-Analyse kann ein intrinsischer Wert ermittelt werden. Unter Berücksichtigung einer adequaten Sichrheitsmarge ergibt sich so ein geeigneten Einstiegskurs. Halte aber nicht zu sehr an genau diesem Wert fest. Er sollte dir nur als grobe Orientierung dienen.


Möchtest du mehr über die einzelnen Schritte der Aktienanalyse wissen? Hinterlasse gerne einen Kommentar mit deinen Fragen.

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